Gesellschaft für Personzentrierte Psychotherapie und Beratung e.V.

Personzentrierte Beratung

Personzentrierte Beratung – was ist das überhaupt? 

Personzentrierte Beratung unterstützt Menschen, die Probleme in ihrer sozialen, beruflichen oder privaten Lebenswelt haben und sich dadurch in ihrer Orientierungs- und Handlungsfähigkeit eingeschränkt fühlen. Personzentrierte Beratung als sozialwissenschaftlich begründete Praxis unterscheidet sich von der Psychotherapie, baut aber ebenso wie diese auf den von Carl Rogers formulierten Bedingungen für konstruktive persönliche Veränderung auf: Menschen entwickeln und aktualisieren sich in Beziehung. Das Beziehungsangebot in der Beratung entspricht dabei einer ethischen Grundhaltung, die sich durch bedingungsfreie positive Beachtung, empathisches Verstehen und eine kongruente Selbstbeziehung des Beraters auszeichnet. Personzentrierte Beratung ist prozessorientiert und dialogisch, sie ist keine Methode, sondern Instrument des Verstehens. Sie rückt die Person in den Mittelpunkt – nicht das Problem. Sie macht es dem Klienten möglich, Gefühle zu integrieren, vorhandene Deutungsmuster zu reflektieren, neue Blickwinkel zu erschließen und dadurch selbstbestimmt entscheidungs- und handlungsfähig zu werden.

 

Wie geht ein Personzentrierter Berater in der Arbeit mit Klienten in der Regel vor?

Zunächst geht es darum, dass Berater und Klient in wechselseitigen Kontakt miteinander kommen. Anschließend ist zu klären, um welche Themen es dem Klienten geht, und zu entscheiden, ob das jeweilige Beratungsangebot dafür geeignet ist. In einem nächsten Schritt gilt es, sich über die Erwartungen, Ziele und Prioritäten zu verständigen und einen Arbeitskontrakt zu vereinbaren. Der eigentliche Beratungsprozess besteht im Bemühen des Beraters, das Anliegen des Klienten kognitiv und emotional aus dessen innerem Bezugsrahmen heraus zu verstehen, um gemeinsam individuell passende Lösungswege zu erarbeiten und zu erproben.

 

Welche persönlichen Voraussetzungen sollten Personzentrierte Berater mitbringen?

Neben der Fähigkeit, sich in unterschiedliche Kontexte, Lebens- und Arbeitswelten einzudenken und einzufühlen und darauf empathisch zu reagieren, sollten personzentrierte Berater über ein breites Repertoire unterschiedlicher Methoden verfügen, die dem Klienten als Angebot zur Verfügung gestellt werden können. Dieses Angebot sollte aber immer an den genannten Beziehungsbedingungen nach Rogers ausgerichtet sein und darf diese nicht verletzen. Es reicht nicht, über Methoden und Techniken zu verfügen, ohne eine dahinter stehende Theorie und ein dahinter stehendes Menschenbild zu vertreten. Der Personzentrierte Ansatz ist eine solche Fundierung.

 

Welche Themen / Problemfelder kommen in der personzentrierten Beratung besonders häufig vor?

Häufig geht es um persönliche Krisensituationen im Kontext von Ausbildung und Beruf. Aber auch private Konflikte wie Probleme in Partnerschaft und Familie oder der Umgang mit Erkrankungen, Rehabilitation, Ernährung, Überlastung und Stress spielen eine Rolle. Ebenso sind Sinnfragen und Themen wie Selbstwert und Anerkennung für viele Klienten Anlass, um eine Beratung in Anspruch zu nehmen. 

 

Vor welchen Herausforderungen stehen Personzentrierte Berater?

Beratung bewegt sich immer im Spannungsfeld zwischen institutionellen und gesellschaftlich-politischen Anforderungen und der Unterstützung individueller Selbstbestimmung. Zur Professionalität eines personzentrierten Beraters gehört daher neben der wissenschaftlichen Ausbildung und der Fähigkeit zu individuellem Fallverstehen auch die ethische Reflexion.

 

In welchen Bereichen arbeiten Personzentrierte Berater?

Personzentrierte Berater arbeiten in unterschiedlichen psychosozialen, pädagogischen und medizinischen Hilfesystemen, sowohl innerhalb von Institutionen wie auch als selbständige Berater.

 

Ein Fallbeispiel aus der personzentrierten Beratung (5-stündiger Beratungsprozess):

Ein 43-jähriger Klient war lange Zeit als Projektmanager tätig, dann wegen firmenseitiger Standortschließung für ein halbes Jahr freigestellt und anschließend arbeitssuchend gemeldet. Er war bis dahin erfolgreich und hatte seinen Job gerne gemacht. In der Beratung sagte er, es beginne, ihm zuzusetzen, dass er bis jetzt noch nichts gefunden habe. Er sitze in einer „Karrierefalle“: Tendenziell sei er zu alt und überqualifiziert für die Stellenausschreibungen, auf die er sich beworben habe. Er merke auch, dass ihm die „Show“, die man machen müsse, um eingeladen zu werden, widerstrebe. Er bringe viel Erfahrung, Referenzen, exzellente Zeugnisse und Motivation für die Arbeit mit. In der Beratung erarbeitete er, dass er jemand ist, der sich fast immer mit anderen vergleicht. Er  wolle sich lieber mit dem präsentieren, was er als „substanziell“ erlebt, nicht mit glatten und „wohltönenden“ Anpreisungen seiner Person. Er ging dann tiefer in die Exploration und beschäftigte sich damit, wie er zeigen könne, was ihn speziell ausmacht. Darüber bekam er wieder mehr Zugang zu seinen Ressourcen und zu seiner Erfahrung.

 

Literaturtipps:

Kriz, J. (2017). Subjekt und Lebenswelt: Personzentrierte Systemtheorie für Psychotherapie, Beratung und Coaching. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 

McLeod, J. (2004). Counselling - Eine Einführung in Beratung. Tübingen: dgvt-Verlag

Rogers, C. (1957) The Necessary and Sufficient Conditions of Therapeutic Personality Change https://app.shoreline.edu/dchris/psych236/Documents/Rogers.pdf

(zuletzt aufgerufen 05.11.17)

Sander, K., & Ziebertz, T. (2010). Personzentrierte Beratung. Ein Lehrbuch für Ausbildung und Praxis. München: Juventa.

Tolan, J. (2003). Skills in person-centred counselling & psychotherapy. London: Sage